
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet seelische Gesundheit als „einen Zustand des Wohlbefindens, in dem sich die Menschen ihrer eigenen Fähigkeiten bewusst sind, mit normalen Stresssituationen umgehen, produktiv und erfolgreich arbeiten können und fähig sind, einen Beitrag zur Gemeinschaft zu leisten.“ (WHO: Strenghtening mental health promotion. Genf 2001, S.1.)
Das psychische Wohlbefinden liegt in Österreich leicht über dem EU-Durchschnitt. 19,5 Prozent klagen in Österreich über seelische Gesundheitsprobleme (Frauen 21,2 Prozent, Männer 17 Prozent). Im EU-Schnitt sind es 27,6 Prozent bei den Frauen und 18,9 Prozent bei den Männern. (Stadt Wien (Hrsg.): Psychische Gesundheit in Wien. Wien 2004)
|Geschlechtsspezifische Unterschiede
Laut WHO hat das Geschlecht großen Einfluss auf die seelische Gesundheit. Frauen und Männer haben andere Stärken und Krankheitsrisiken, zeigen unterschiedliche Symptome, sprechen unterschiedlich auf Behandlungsmethoden an, bewältigen Krankheiten und Krisen unterschiedlich und mit unterschiedlichen Mitteln. Sie bekommen auch unterschiedliche Diagnosen gestellt und werden ungleich versorgt: Frauen mit Beschwerden erhalten schneller Psychopharmaka, Beschwerden von Männern werden eher als somatisch diagnostiziert.
In Diagnose, Forschung und Behandlung gelten nach wie vor männliche Standards.
Der Umgang mit seelischer Gesundheit muss daher von einer konsequenten Geschlechterperspektive geprägt sein. Das Frauengesundheitszentrum betrachtet psychische Störungen als eine mögliche Antwort auf die vielfältigen seelischen und körperlichen Verletzungen. Sie stellen oft eine Überlebensstrategie hinsichtlich der erfahrenen materiellen, gesellschaftlichen, sozialen und sexuellen Unterdrückungen dar.
Auch in der Steiermark wäre die Umsetzung frauengerechter Therapie- und Beratungsstandards sowie handlungsleitender Kriterien zur frauenspezifischen Qualitätssicherung in der psychosozialen und gesundheitlichen Versorgung von Frauen anzustreben. Ein Model of Good Practice stellt etwa das Frauentherapiezentrum München dar.
Standards und Kriterien|
Schutzfaktoren
sind gute Ausbildung, kontinuierliche Berufstätigkeit und gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf, das Eingebundensein in Familie und Freundeskreis und ehrenamtliches Engagement. Auch die generell bewusstere Lebensführung von Frauen: Frauen gelingt es besser, sich gesund zu ernähren als Männern, sie rauchen und trinken weniger und gehen öfter zu Vorsorgeuntersuchungen.
Risiken
Besonders gefährdet ist die seelische Gesundheit von Frauen während Schwangerschaft, Geburt und Stillphase. Kritische Phasen und Faktoren sind außerdem: Pubertät, Doppelbelastung Beruf-Familie, Arbeitslosigkeit, Krankheit. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 75 Prozent der psychischen Erkrankungen auf Gewalterfahrungen zurückzuführen sind. Ein besonderer Risikofaktor ist die soziale Benachteiligung von Frauen. So sind sie häufiger als Männer von niedrigem Einkommen betroffen, von geringerer Ausbildung und Arbeit in wenig geachteten Berufen.
Gesundheitsförderung
Seelische Gesundheit und Krankheit sind nach Antonovskys salutogenetischem Modell zwei Pole auf einem Kontinuum. Die Übergänge zwischen psychisch gesund und krank sind fließend, jeder Mensch ist mal mehr und mal weniger psychisch gesund. Werden Belastungen zu groß oder reichen die Bewältigungsstrategien nicht aus, kann es zu einer tief greifenden psychischen Krise bis hin zu psychischen Erkrankungen kommen. Die Fähigkeit, private und berufliche Anforderungen und Probleme zu bewältigen, ist ein entscheidender Schutzfaktor für seelische Gesundheit.
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