Presseerklärung des Frauengesundheitszentrums Graz vom 16.8.2000
Abnehmen verringert die Sterblichkeitsrate von gesunden Übergewichtigen nicht. Gegenteilige Studien verfolgen oft finanzielle Interessen oder sind methodisch nicht haltbar.
Gesunde Übergewichtige müssen nicht abnehmen, um lang zu leben. Das belegt eine im "arznei-telegramm" (Nr. 12/1999) veröffentlichte Analyse der verfügbaren Studien zur Sterblichkeit bei Übergewichtigen. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass das Sterblichkeitsrisiko gesunder Übergewichtiger steigt, wenn sie ihr Gewicht reduzieren. Und es zeigte sich, dass Schlanke ein höheres Sterblichkeitsrisiko haben als mäßig Übergewichtige.
"Für eine ärztliche Ermahnung, gesunde Übergewichtige sollten ihrer Gesundheit zuliebe abnehmen, gibt es keine gesicherte Datenbasis", resümiert Sylvia Groth, Geschäftsführerin des Frauengesundheitszentrums Graz. Studien, die für Übergewichtige eine von vornherein erhöhte Sterblichkeit vorhersagen, weisen sowohl das "arznei-telegramm" als auch Ernährungswissenschaftler Nicolai Worm statistische und methodische Mängel nach.
Durch Abnehmen werden zwar Blutdruck und Blutzucker gesenkt. Doch es gibt keinen Nachweis, dass das gesundheitsförderlich ist. Genauso wenig gibt es einen wissenschaftlichen Nachweis für die behaupteten günstigen Auswirkungen des Abnehmens auf Gelenk- oder Lungenfunktion sowie die Lebensqualität.
Es gibt starke wirtschaftliche Interessen daran, dass sich die ÖsterreicherInnen zu dick fühlen. Demgemäß werden entsprechende Studien häufig nicht unabhängig durchgeführt. "Finanzielle Interessen an bestimmten Ergebnissen und Methoden solcher Studien sind selten transparent", kritisiert das Frauengesundheitszentrum.
So wurde die jüngst veröffentlichte Studie, wonach jede/r dritte ÖsterreicherIn zu dick sei, von der Pharmafirma Roche in Auftrag gegeben, jener Firma, die die "Schlankheitspille" herstellt. Eine andere Studie, wonach Abnehmen die Sterblichkeit senkt, wurde unter "Mitarbeit" der Firma Knoll erstellt – einer Firma, die einen Appetithemmer am Markt anbietet. "Dass Hersteller von Diätprodukten Daten verbreiten, wonach Abnehmen automatisch gesundheitsförderlich sei, ist vom wirtschaftlichen Standpunkt her verständlich", so Sylvia Groth. "Das heisst aber nicht, dass diese Daten wissenschaftlichen Analysen standhalten. Informationen sind ernstzunehmender, wenn sie auf fundierten wissenschaftlichen Studien beruhen und wenn kein finanzielles Interesse dahinter steht."
Literatur:
Abnehmen: Mehr Schaden als Nutzen? Zur Gewichtsreduktion bei gesunden Übergewichtigen. In: arznei-telegramm Nr. 12/1999 vom 3. Dezember 1999.
Gniech, Gisla u.a.: Wonneproppen. Dicke Menschen in "mageren" Zeiten. Lengerich 1999.
Worm, Nicolai: Diätlos glücklich. Abnehmen macht dick und krank. Genießen ist gesund. Bern, Stuttgart 1999.